Die UniWB-Einstellung, Teil 4

Die UniWB-Einstellung, Teil 4

Praktischer Ansatz

In den vorangegangenen Teilen habe ich einen praktikablen aber dennoch etwas umständlichen Weg dargestellt, wie man die UniWB-Einstellung seiner Kamera vornehmen kann.
Für Besitzer einer Fujifilm-Kamera gibt es noch einen anderen sehr viel einfacheren Weg: Man benutzt eine spezielle Einstellung der Farbtemperatur in Kombination mit der Wahl der Farbverschiebungen für Rot und Blau.

Analyse

Der Weißabgleich in der Kamera erfolgt, wie bereits in den Teilen 1 bis 3 beschrieben, über die Faktoren K_b und K_r, mit welchen jeweils die RAW-Daten des Blaukanals (B_{RAW}) und des Rotkanals (R_{RAW}) multipliziert werden. Die Daten des Grünkanals (G_{RAW}) dienen als Referenz und werden nicht verändert, (van-Kries-Transformation).
Also:

R_{neu} = R_{RAW} \cdot K_r
G_{neu} = G_{RAW} \cdot 1.0
B_{neu} = B_{RAW} \cdot K_b

Die Einstellung des WB-Shift im Kameramenü verändert die zur Basis-Farbtemperatur gehörenden oder per Auto-Weißabgleich ermittelten Faktoren K_{r,basis} und K_{b,basis} in folgender Weise:

K_r = K_{r,basis} + (\Delta R \cdot c_r)
K_b = K_{b,basis} + (\Delta B \cdot c_b)

Dabei sind \Delta R und \Delta B die im Menü eingestellten Shift-Werte (jeweils von -9 bis +9) und c_r und c_b vom Kamerahersteller definierte Schrittweiten-Koeffizienten, die bestimmen, wie stark sich die Einstellungen der Shift-Werte im Menü auf die Farbverschiebung auswirken.

Leider sind die Schrittweiten-Koeffizienten „Betriebsgeheimnis“ des Kameraherstellers und somit nicht öffentlich bekannt. Daher ist an dieser Stelle ein wenig Reverse-Engineering erforderlich.

Die Basis-Faktoren K_{r,basis} und K_{b,basis} sind mit den fix einstellbaren Farbtemperaturen fest verknüpft. Sie werden ebenso wie die eingestellte Farbtemperatur in die EXIF-Daten der aufgenommenen RAW-Bilder übertragen und darin gespeichert (EXIF-Parameter: Colortemperature und WB Balance). Sie können mit Programmen wie ExifTool oder RawDigger leicht aus den RAW-Dateien ausgelesen werden.

Also kann man mit einer RAW-Bilderserie für eine spezielle Fujifilmkamera (vermutlich identisch für Kameras mit demselben Sensortyp) mit jeweils voreingestellter Farbtemperatur leicht eine Tabelle der zu einer Farbtemperatur gehörenden Faktoren K_{b,basis} und K_{r,basis} aus den Exif-Daten ermitteln.

Ich habe dies für meine X-T20 Kamera getan. Das Ergebnis ist in der obigen Abbildung dargestellt.

Es zeigt sich, dass bei der Farbtemperatur 5000 K beide Basis-Faktoren identisch sind und ca. den Wert 1,9 haben. Wenn man nun durch die Wahl der passenden Shift-Werte die Kr,Kb-Faktoren um 0,9 verringern könnte, so würde in der Kamera bei einem voreingestellten Wert für die Farbtemperatur von 5000 K ein Weißabgleich mit den Faktoren Kr = Kb = 1 durchgeführt werden. Man hätte dann eine UniWB-Einstellung für die Kamera gefunden. Das dazugehörige und auf dem Kameradisplay angezeigte jpeg-Bild wird ein Histogramm aufweisen, das einem RAW-Histogramm nahekommt, wenn zusätzlich ein „flaches“ Farbprofil in der Kamera eingestellt ist, z.B. Filmsimulation Pro. Neg. Std, Schatten und Lichter auf -2,(siehe Rico Pfirstinger: „Einstellungen für RAW-Shooter“ oder Teil 3 dieser Artikelreihe).

Am einfachsten würde dies funktionieren, wenn die Schrittweiten-Koeffizienten den Wert c_r = c_b = 0,1 hätten. Also sollte in diesem Fall die Einstellung T = 5000 K, R-Shift -9 und B-Shift -9 der UniWB-Einstellung entsprechen bzw. ihr ausreichend nahe kommen.

Praxistest

Im Teil 1 dieser Untersuchung habe ich dargestellt, wie man ein Farbbild konstruieren kann, das anstelle einer Graukarte bzw. eines grauen Testbilds nach einem benutzerspezifischen Weißabgleich der Kamera intern die Faktoren K_r \approx 1 und K_b \approx 1 liefert.

Für meine X-T20 ergab sich dafür die Farbeinstellung R = 251, G = 127 und B = 237, d.h. man erhält mit diesen Einstellungen eine Magenta eingefärbte Farbfläche.

Eine Aufnahme dieser Farbfläche mit Automatischem Weißabgleich liefert das in der folgenden Abbildung dargestellte 3-Farben-Histogramm des Kameradisplays.

Die Entwicklung desselben Fotos mit der UniWB-Einstellung zeigt dann wie gewünscht eine Neutralgrau eingefärbte Fläche. Das dazugehörige 3-Farben-Histogramm zeigt praktisch identische Verteilungen.

Wählt man nun in der Kamera die Einstellungen T = 5000, R-Shift = -9 und B-Shift = -9, erhält man zum Vergleich bei einem Foto des Magenta-Testbilds folgendes Ergebnis.

Es ist nicht ganz perfekt, die Blauverschiebung ist dazu nicht ausreichend, der Koeffizient K_b hat den Wert 1 noch nicht ganz erreicht. Die Erhöhung der Farbtemperatur auf den nächst höheren Wert 5300 K verbessert dies zwar, jedoch ist dann wiederum die Abweichung für den R_Kanal etwas größer. Für die Praxis ist dieser „Restfehler“ jedoch unerheblich.

Wenn man sich bei einer besonders heiklen RAW-Aufnahme nicht sicher ist, dass ein Farbkanal übersteuert/geklippt sein könnte, z.B. bei der „berühmten“ Fotografie einer roten Rose vor grünem Hintergrund, so betrachte man das 3-Farben-Histogramm der Szene mit den Einstellungen T = 5000 K, R -9, B -9, Schatten und Lichter auf -2, einer „flachen“ Filmsimulation und stelle dann für minimales Rauschen eine ETTR-Belichtung ein. Ist dann (ausnahmsweise) der Blaukanal am rechten Rand, so belichte man etwas knapper. Die nachfolgende „Entwicklung“ der RAW-Aufnahme am PC sollte dann kein Problem wegen eines übersteuerten Farbkanals machen.

Ergebnis

Der Vergleich von Histogrammen, die mit der herkömmlichen UniWB-Einstellung ermittelt wurden mit denen, welche mit der Einstellung T = 5000 K, R-Shift -9, B-Shift -9 gewonnen werden, zeigt, dass sie sehr ähnlich sind. Lediglich die Blauverschiebung könnte etwas stärker sein, was jedoch für die Praxis unerheblich ist.

Somit ist, zumindest für die X-T20, eine UniWB-nahe Einstellung schnell und unkompliziert zu erreichen.

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